An den Küsten Japans strandeten kürzlich Millionen Sardinen. Mutmaßungen über einen Zusammenhang mit Abwässern aus dem Katastrophenreaktor von Fukushima wiesen Behördenvertreter zurück.
Nahe der Hafenstadt Hakodate von Hokkaido bot sich Strandbesuchern in den vergangenen Tagen ein bizarres Bild: das Meer und der Strand bedeckt von silbrig glänzenden Fischen. Wie der Guardian berichtet, bildeten tote Sardinen und Makrelen Anfang des Monats einen mehr als einen Kilometer breiten Teppich vor der Küste; die Menge der angeschwemmten Tiere schätzten lokale Behörden auf 1200 Tonnen.
Auch Hunderte Kilometer weiter südlich, nah der Stadt Nakiri, wurden in den vergangenen Tagen schätzungsweise 30 bis 40 Tonnen tote Japanische Sardinen (Sardinella zunasi) beobachtet. Er habe so etwas noch nie gesehen, berichtet ein lokaler Fischer im Newsportal The Mainichi. Die Fische werden etwa zehn Zentimeter lang und leben in großen Schulen in der Nähe der Küsten von Japan bis Taiwan.
Fischer schwärmten aus, um die toten Körper mit Netzen einzusammeln. Sie befürchten, dass die Tiere zum Boden sinken und der Sauerstoffgehalt des Wassers durch Zersetzungsprozesse gefährlich abnehmen und die gesamte Meeresumwelt in Mitleidenschaft ziehen könnte.
Über den Grund des Massensterbens gibt es bislang nur Vermutungen. So könnten größere Raubfische wie Bernsteinmakrelen die Schwärme bis zur Erschöpfung vor sich hergetrieben haben. Auch ein plötzliches Abfallen der Wassertemperatur käme demnach als Ursache in Frage. Die Tiere könnten in einem solchen Fall einen Schock erleiden.
„Die Ursache ist im Moment noch unbekannt“, sagte ein örtlicher Fischereibeamter dem Newsportal. Analysen von Meerwasserproben sollen nun weitere Aufschlüsse liefern. Unterdessen warnen die lokalen Behörden vor dem Verzehr der toten Tiere, solange die Todesursache nicht feststeht.
Zusammenhang mit schwach radioaktiven Abwässern aus Fukushima nicht belegt
Zeitungsberichte, nach denen das Massensterben in einem Zusammenhang mit der Verklappung von Abwässern aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima steht, wiesen japanische Behörden zurück. Darauf gebe es keine Hinweise.
Mit der Einleitung des schwach radioaktiven Wassers ins Meer wurde am 24. August 2023 begonnen. Zuvor hatte die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) grünes Licht gegeben: Die Einleitung kleiner Mengen des radioaktiven Isotops Tritium werde „eine vernachlässigbare radiologische Auswirkung auf Mensch und Umwelt“ haben.
Auch das deutsche Thünen-Institut für Fischereiökologie hält es laut einer Einschätzung für „sehr unwahrscheinlich, dass direkte oder indirekte Strahlenwirkungen bei Meeresorganismen nachweisbar sein werden.“
Japanische Sardinen sind für die Fischerei in Japan und China wichtig. Der massenhafte Tod trifft eine Spezies, die laut der Roten Liste ohnehin durch Überfischung bedroht ist.
IPPNW kritisiert Verklappung von radioaktivem Kühlwasser
Die zerstörten Atomreaktoren müssen bis heute ununterbrochen mit täglich ca. 170 Tonnen Wasser von außen gekühlt werden, um eine nukleare Kettenreaktion zu verhindern. Im Inneren der Reaktorkerne herrschen mit ca. 42 Sievert weiterhin tödliche Strahlungswerte. Das anfallende radioaktiv verunreinigte Kühlwasser wird seit Jahren in Tanks gepumpt, deren Stellfläche bei mittlerweile über 1.000 Großtanks knapp wird. Statt weitere Gelände-Bereiche zuzukaufen, darf TEPCO die Tanks über eine 1 Kilometer lange Abwasserleitung zukünftig direkt in den Pazifik entleeren.
„Japan hat die kostengünstigste Variante gesucht, um den durch den mehrfachen Super-GAU völlig überschuldeten Energieversorger TEPCO zu entlasten – ohne die Folgewirkungen für Mensch und Umwelt zu berücksichtigen“, so der IPPNW-Arzt Dr. Jörg Schmid.
Das Kühlwasser durchlaufe zwar eine Dekontaminierung, die die Radioaktivität auch tatsächlich reduziere – aber die Filterwirkung habe zuletzt nur bei knapp 30 % der Gesamtradioaktivität gelegen, so Schmid. Und am Ende werde kein „unbedenkliches Wasser“ verklappt, wie es der Blankoscheck der Internationalen Atomenergiekommission (IAEO) suggeriere.
Japan verdünne das Kühlwasser im Verklappungsprozess einfach solange mit Meerwasser bis entsprechende Grenzwerte eingehalten werden, so Schmid. Die Gesamtmenge an radioaktiven Eintrag ins Meer bleibe dabei aber erhalten und sei ein anhaltendes Gefahrenpotential. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass auch niedrige Strahlungsmengen zu Schäden der Gesundheit führen können.
Im Pazifik reichert sich die Radioaktivität aus Fukushima insbesondere in Meerestieren an. Trotz einer aufwändig konstruierten sogenannten „Eismauer“ sickert das kontaminierte Grundwasser in Fukushima seit dem Super-GAU auch ohne die jetzt geplante Verklappung ins Meer.
In diesem Frühjahr wurden küstennah Fische mit einer 180-fach erhöhten Belastung an radioaktivem Cäsium gefunden. „Angesichts dieser Funde wundert es nicht, dass die japanischen Küstenfischer und Anrainerstaaten, gegen die angeblich wenig gefährliche Verklappung protestieren“, so Maitra.
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