
Stellen Sie sich ein Atommülllager in 10.000 Jahren vor. Sprachen haben sich gewandelt, Regierungen sind verschwunden, und niemand versteht mehr die Warnschilder. Die Gefahr besteht weiterhin, doch die Warnung hat ihre Bedeutung verloren.
Genau dieses Problem erörterte Thomas Sebeok in einem Bericht aus dem Jahr 1984. Zu seinen Vorschlägen zählte die Einrichtung einer „Atom-Priesterschaft“: eine Gemeinschaft von Spezialisten, die damit beauftragt wäre, das Wissen um die Gefahr zu bewahren und über Generationen hinweg weiterzugeben.
Das Konzept umfasste Rituale, Erzählungen und Verbote, die imstande wären, kulturelle Wandlungsprozesse zu überdauern. Ziel war es, Menschen von einem gefährlichen Ort fernzuhalten – selbst dann, wenn sie die wissenschaftliche Begründung dafür längst nicht mehr verstehen würden.
Es handelte sich um einen Vorschlag zur langfristigen Kommunikation, nicht um die Etablierung einer Weltreligion. Dennoch wirft er eine beunruhigende Frage auf: Kann man eine Tradition künstlich erschaffen, damit ein bestimmtes Verhalten überdauert, auch wenn das Wissen, das ursprünglich dazu führte, längst vergessen ist?
Unsere Nachfahren könnten ein Verbot erben, es über Jahrhunderte hinweg weitergeben – und dabei völlig vergessen, wer es einst aufgestellt hat.
Unter ihren Füßen würde der eigentliche Grund dafür weiterhin darauf warten, verstanden zu werden.
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