
Ein geheimnisvoller Pilz machte August letzten Jahres weltweit Schlagzeilen, weil er Spinnen in bizarre, lebende „Zombies“ verwandelt. Die betroffenen Tiere werden von ihnen kontrolliert, verlassen ihre gewohnte Umgebung und sterben schließlich – nur damit der Pilz aus ihren Körpern neue Sporen freisetzen kann. Erstmals in Irland entdeckt, häufen sich mittlerweile die Sichtungen, die nun auch aus den USA kommen, wo die „Zombie“-Spinnen sogar in Häuser eindringen.
Was wie eine Szene aus der Horrorserie „The Last of Us“ klingt, ist Realität und fasziniert die Wissenschaft. Ein Pilz mit dem wissenschaftlichen Namen Gibellula attenboroughii heftet sich an eine Spinne, dringt in deren Körper ein und verzehrt sie von innen heraus. Besonders perfide: Er beeinflusst die Gehirnchemie seines Wirts.
Der veränderte Dopaminspiegel zwingt die Spinne dazu, ihr Netz zu verlassen und ins Freie zu wandern – ein Verhalten, das letztlich zu ihrem Tod führt. Danach beginnt der Pilz, Fruchtkörper aus dem Kadaver der Spinne zu treiben. Diese setzen Sporen frei, die neue Spinnen infizieren und so den Zyklus fortsetzen.
„Zombie“-Spinnen wurden das erste Mal in Schottland entdeckt
Eine erste Entdeckung gelang 2021 während Dreharbeiten zur BBC-Dokumentation „Winterwatch“ in einem verlassenen Schießpulverlager in Nordirland. Dort fanden Forscher eine infizierte Spinne an der Decke des Gebäudes. Dr. Harry Evans, Forscher und Emeritus Fellow bei CAB International (CABI), untersuchte das Tier und identifizierte es als Radnetzspinne Metellina merianae. 1
Der Pilz war damals noch völlig unbekannt. In einer im Fachmagazin „Fungal Systematics and Evolution“ veröffentlichten Studie konnten Evans und Kollegen basierend auf morphologischen und molekularen Beweisen schließlich bestätigen, dass es sich bei dem Pilz um eine neue Art handelt.
Sie wurde „nach dem Rundfunksprecher und Naturhistoriker Sir David Attenborough benannt, einem Pionier der BBC-Naturgeschichtsprogramme, der – in seiner Rolle als Leiter von BBC 2 – an der Entwicklung der Natural History Unit mitwirkte, was indirekt zur vorliegenden Naturserie führte, in deren Verlauf die neue Art erstmals entdeckt wurde“, wie Evans in einer Pressemitteilung vom 29. Januar 2025 erklärte.
Globale Sichtungen häufen sich
In Zusammenarbeit mit einem Team entdeckte Evans den Pilz später auch in anderen Höhlensystemen in Nordirland und der Republik Irland. In Großbritannien wurden sie in Höhlen und Gärten gefunden. Anfang 2025 legte der Landschaftsgärtner Gareth Jenkins in einem Londoner Garten eine Terrasse an, als er etwas entdeckte, das wie ein großer Wattebausch aussah. Bei näherer Betrachtung entdeckte er etwas noch viel Erschreckenderes: Es wimmelte von Beinen.
Jenkins sagte dem „Wall Street Journal“, dass die Spinnen in Gruppen zusammengeballt seien und aussähen, als wären sie in Eis gefroren: „Ihre Beine waren in einer schrecklichen Position zusammengerollt, als ob sie mir ins Gesicht springen wollten.“
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Mittlerweile ist gewiss: Die „Zombie“-Spinnen gibt es nicht nur in Großbritannien und Irland. Wissenschaftler berichten von Funden infizierter Spinnen in verschiedenen Regionen der Welt. Vor allem in den USA fallen die Spinnen auf. Viele US-Amerikaner haben die auffällig weißen, verkrusteten Spinnenleichen bereits auf Dachböden und in Kriechkellern entdeckt.
Auch in Russland berichtete Simon Butenko von einem Fund im Weinkeller seiner Eltern in Anapa. „Besonders unheimlich war, dass diese Spinnen in Kopfhöhe hingen“, sagte er.
Ähnliche Pilzinfektionen gibt es auch bei Ameisen
Das Verhalten der infizierten Spinnen erinnert an ähnliche Pilzinfektionen bei Ameisen im brasilianischen atlantischen Regenwald. Dort manipulieren parasitäre Pilze ebenfalls das Verhalten ihrer Wirte und zwingen sie in den Tod.
Dr. Evans erklärte gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Live Science“, dass der Pilz „in den Körper der Spinne eindringt und in ihr Hämocoel eindringt, die Höhle, die die blutähnliche Flüssigkeit des Wirbellosen transportiert.“ Sobald der Wirt seine geschützte Umgebung verlässt, setzt der Pilz ein Toxin frei, um ihn zu töten. Anschließend produziert er Antibiotika, die den Kadaver während der Mumifizierung konservieren.
Unter geeigneten Bedingungen wie hoher Luftfeuchtigkeit treiben aus dem Körper der Spinne lange Fruchtkörper, die neue Sporen freisetzen – ein effektiver Mechanismus zur Ausbreitung der Infektion.
Diese Spinnen werden befallen
Vor allem die Spinnenart Metellina merianae, die Kleine Höhlenspinne, wird von dem Pilz befallen. Diese Art ist in ganz Europa verbreitet. Sie lebt an dunklen und feuchten Orten wie Höhlen, aber auch in feuchten Wäldern an Totholz. In Mitteleuropa trifft man sie häufig im Bergland an. Weibchen erreichen eine Körperlänge von 7–11 Millimetern. Die Spinne baut – wie auch andere Arten der Gattung Metellina – Radnetze, in denen sie ihre Beute fängt.2
Nach der zufälligen Entdeckung im Jahr 2021 fand der Höhlenforscher und Co-Autor der Studie, Tim Fogg, weitere Beispiele des Pilzes in Höhlensystemen in Nordirland und der Republik Irland, darunter auch auf einer weiteren Höhlenspinnenart, Meta menardi, so die Studie. Diese Art ist bei uns als Große Höhlenspinne bekannt und lebt oft in völliger Dunkelheit.
Diese bewohnen unterschiedliche ökologische Nischen innerhalb der Höhlen – und verließen im befallenen Zustand ihr gewohntes Umfeld, um draußen zu sterben.
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Die Weibchen werden bis zu 17 Millimeter groß und sind damit einer der auffälligsten Höhlenbewohner in unseren Breiten. Im Jahr 2021 wurde diese Art zum „Höhlentier des Jahres“ gewählt und war außerdem „Europäische Spinne des Jahres 2012“. 3
Insofern ist es durchaus möglich, dass sich die Funde in Zukunft in Europa – und auch in Deutschland – häufen werden. Je nachdem, wie sehr sich der Pilz in Europa verbreitet. Bislang liegen hierzu noch zu wenig wissenschaftliche Daten vor.
Kann der Pilz theoretisch auch Menschen befallen?
Angesichts der Parallelen zur HBO-Serie „The Last of Us“, in der ein Pilz Menschen kontrolliert und eine globale Apokalypse auslöst, fragen sich einige: Kann das Schicksal der „Zombie“-Spinnen auch irgendwann uns Menschen treffen?
Hier geben Wissenschaftler klare Entwarnung. João Araújo, Mykologe am Naturhistorischen Museum Dänemarks, erklärte: „Um Menschen zu infizieren, wären viele, viele Millionen Jahre genetischer Veränderungen erforderlich.“ 1













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