Winter-Chaos in Kamtschatka – Schnee bis zum neunten Stock (Video)

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Ganze Viertel sind abgeschnitten, Brot wird knapp, Menschen müssen sich freischaufeln: Historische Schneestürme stürzen den Osten Russlands in einen Ausnahmezustand.

Die russische Halbinsel Kamtschatka versinkt im Schnee. Meterhohe Verwehungen legen ganze Städte lahm. Besonders schwer getroffen ist Petropawlowsk-Kamtschatski, die Hauptstadt der Region Kamtschatka in Russlands Föderationskreis Fernost. Hier türmt sich der Schnee teilweise bis zu einer Höhe von neun Stockwerken auf, wie Aufnahmen zeigen.

Zahlreiche Wohnhäuser sind von außen nicht mehr erreichbar. Bewohner können ihre Wohnungen nur noch über höhergelegene Fenster und Balkone verlassen und betreten – Türen und Eingänge sind zugeschüttet.

Meteorologen sprechen von den schlimmsten Schneestürmen der vergangenen 30 Jahre. Bereits im Dezember hatten die Schneemassen das Dreifache der üblichen Norm erreicht.

Ein Zyklon vom Ochotskischen Meer brachte am 13. und 14. Januar mehr als die Hälfte der durchschnittlichen monatlichen Niederschlagsmenge binnen eines Tages. Inzwischen ist die Lage so dramatisch, dass die Stadtverwaltung den Notstand ausgerufen hat. Denn der Schneefall hört nicht auf.

Seit über einem Monat wechseln sich auf der russischen Halbinsel starke Zyklone ab. Der jüngste brachte in der Nacht zum 15. Januar erneut Sturm und Schnee. Die Wetterlage bleibt angespannt – für die kommenden Tage sind weitere Schneestürme angekündigt. Vergleichbare Schneefälle gab es zuletzt im Winter 1997.

Was derzeit auf Kamtschatka geschieht, bezeichnen Meteorologen als außergewöhnlich – und zugleich als Weckruf. „Wenn wir in den letzten Jahren mit schneearmen Wintern ausgekommen sind und alle ein wenig vergessen haben, was Kamtschatka ist, dann hat die Natur beschlossen, uns daran zu erinnern“, sagt Anna Prichodko, Leiterin der Prognoseabteilung des Kamtschatka-Hydrometeorologiezentrums.

Mindestens zwei Menschen sind infolge des Schneesturms in Petropawlowsk-Kamtschatski ums Leben gekommen. Beide Opfer wurden von Schneemassen erschlagen, die von Dächern herabstürzten.

Einer von ihnen ist der 60-jährige Igor Bykow, berichtet das unabhängige Medium „Radio Swoboda“. Er sei nach Angaben seiner Angehörigen auf dem Heimweg gewesen, als ihn ein Schnee- und Eisblock unter sich begraben hätte. „Er war schon fast da, als diese Lawine von dem Haus auf ihn herunterging. Die Nachbarn haben das alle gesehen, sofort Retter und Sanitäter gerufen und selbst angefangen, ihn auszugraben“, berichtet eine Verwandte.

Die Sanitäter hätten die Verletzten aber erst nach mehreren Stunden erreicht – zu spät, wie sich später herausstellte.

Am 13. Januar wurde in der Stadt der öffentliche Nahverkehr vollständig eingestellt. In einer beispiellosen Aktion griffen die Behörden zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Gefangenentransporter der Nationalgarde ersetzen teilweise den öffentlichen Nahverkehr.

Der starke Schneefall lähmt auch die Arbeit der Notdienste. So mussten Mediziner und Retter in der Nacht zum 13. Januar einen Patienten mehr als einen Kilometer weit auf den Armen tragen, um ihn ins Krankenhaus zu bringen.

In vielen Stadtteilen von Petropawlowsk-Kamtschatski herrscht zunehmend Mangel an Lebensmitteln. Wer noch aus dem Haus kommt, findet in den Läden oft nur leere Regale, berichten russische Medien übereinstimmend. Menschen berichten, dass sie tagelang keine Grundnahrungsmittel mehr bekommen hätten.

„Die Geschäfte sind geöffnet, aber Grundnahrungsmittel – Eier, Brot – sind ausverkauft, und bislang gibt es keine neuen Lieferungen“, berichtete ein Anwohner der Zeitung „Gazeta“.

Eine Frau erzählte: „Gestern haben wir das Letzte aufgegessen, ich habe Erbsen gekocht. Das ist wie in einer Blockade – Brot haben wir seit drei Tagen nicht mehr gesehen.“ Im Geschäft habe ihr Mann nur halb verfaulte Kartoffeln, Instantnudeln und Graupen ergattern können. „Milch, Brot, Eier, Gemüse – alles ausverkauft.“ Ein Nachbar habe sich durch den Schnee bis zum nächsten größeren Laden durchgeschlagen.

Er sei einen halben Tag unterwegs gewesen. Aber auch dort sei kaum noch etwas da gewesen. „Der Sturm tobt seit fünf Tagen und es wird nichts geräumt“, klagte sie. Ihr Viertel sei seit Tagen von der Außenwelt abgeschnitten, niemand komme durch.

Viele Menschen auf Kamtschatka fühlen sich alleingelassen. Sie berichten von stundenlanger Isolation, fehlender Hilfe und einem Alltag, der sich nur noch ums Überleben dreht.

Die Worte, die sie dafür finden, sind drastisch. Auch Sergej, der seine Großmutter eigenhändig aus einer eingeschneiten Wohnung befreien musste, sagte: „Ich fürchte, erst wenn alles freigeschaufelt ist, erfahren wir, wie viele alte, alleinlebende Menschen in ihren Wohnungen in dieser Blockade-Woche gestorben sind.“

Einige Anwohner berichten, dass sie solche Zustände zuletzt in den 1970er- oder 1980er-Jahren erlebt hätten. Damals sei es üblich gewesen, dass Häuser über Nacht vollständig zugeschneit wurden.

Die Menschen hätten sich über Dachluken ins Freie gekämpft, sich danach Gänge freigeschaufelt, um überhaupt wieder an die Oberfläche zu gelangen. Auch heute, so scheint es, beginnt das Überleben vieler wieder mit dem Griff zur Schaufel – oft allein, im Schneetreiben, ohne Aussicht auf schnelle Hilfe.

Video:

 

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